"In aller Stille" wollte die alte Dame verabschiedet werden - so hatten sie und ihr Mann es miteinander beschlossen. Dies bedeutete: Ohne Traueranzeige, ohne Bekanntgabe des Termins der Einäscherungsfeier - und ohne Öffentlichkeit. Einzig der ebenfalls betagte Ehemann sowie ein Neffe der Verstorbenen mit seiner Frau hatten sich zum Abschied angesagt. Weniger als eine Handvoll Abschiednehmender im Kontrast zu dem vorne zentral aufgebahrten Sarg - in der geräumigen Trauerhalle ein fast verlorenes Häuflein Leben.
Eine Rede - in einem "stillen" Abschied? Worte - dort, wo doch jede Form von Aufsehen unterbleiben soll? Die Schilderung und Darstellung eines Lebens - in einem Kreis, dem alle Fakten und Daten dieses Lebens und dieser Person doch längst bekannt sind? Entgegen dieser vordergründigen Logik darf und wird auch ein stiller Abschied seine Worte finden - denn Sprache kann und darf der Stille dienen. Weniger der äußeren, denn die wird durch die Stimme des Redners ja gerade aufgehoben. Wohl aber der inneren, denn diese kann sich durch bedachte inhaltliche und formale Gestaltung der Situation Räume öffnen, die gerade in einem kleinen Kreis eine intime innere Begegnung mit dem nun vergangenen und vollendeten Lebensvolumen eines Verstorbenen ermöglichen. Nicht darum geht es dabei, durch die Rede zum Abschied Neues oder Überraschendes aus dem Leben des Toten zu offerieren. Sondern darum geht es, durch das Aussprechen von Geschehenem und die durch Sprache definierte und hörbar gemachte Würdigung von gelebtem Leben der Abschiedsdynamik innere Einkehr und den Fokus auf die Wertigkeit der zusammen gegangenen Wege zu ermöglichen. Im Namen des Verstorbenen nämlich wird das Wort ergriffen. Dem weiter erklingenden Lebenskonzert wird auf diese Weise jener Ton noch einmal vergegenwärtigt, der darin seine Linie und seinen Klang gefunden hatte. Selbst dann, wenn außer dem Redner niemand an der Feier teilnehmen sollte, würde dies Sinn machen: Im Namen des Lebens soll die Stimme erhoben werden, damit der Tod im Abschied nur das vorletzte Wort hat. Wichtig ist hierbei, dass tatsächlich gesprochen und nicht nur gedacht oder meditiert wird: Der Schall setzt Wellen frei, und die schaffen körperlich wahrnehmbare Bio-Resonanz - mindestens bei dem Sprechenden, sollte er tatsächlich der einzig Lebende sein, der der Situation beiwohnt. Dem Toten seine Stimme geben - oder gar zu dem Toten sprechen; dies kann dann der Fokus des Redens sein. Und beim Sprechen die eigene Lebendigkeit wahrnehmen - dies kann für den Redenden zur Erfahrung der Dankbarkeit und Demut gleichermaßen werden. Den Raum akustisch füllen, um nicht der Lautleere das Feld zu überlassen. Und gleichzeitig mit Worten die Räume dahinter öffnen, um jene Stille zuzulassen, die zum Friedensschluss mit der Wahrheit des Abschieds werden kann.
Am Ende zählte die Trauerfeier doch fünf Besucher - zwei Freundinnen der Verstorbenen waren noch erschienen. Der Charakter der Abschiedsfeier aber vollzog sich wie gewollt und geplant - und die Rede hatte darin im Kontext der Musik ihren angemessenen Platz. Der Witwer machte wenig Worte - nämlich gar keine. Zur Begrüßung hatte er vom Rollstuhl aus lächelnd die Hand gereicht, bei der Verabschiedung am Ausgang der Trauerhalle kullerte dann eine Träne der Berührtheit über seine Wange - in aller Stille.
Ernst Cran