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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Januar 2012

Die Urne war gerade in der für sie vorgesehen Nische der Urnenwand - etwa auf Augenhöhe der Anwesenden - abgestellt worden. Bevor die Platte mit dem Namen der Verstorbenen daran befestigt wurde, traten die Angehörigen noch einmal ganz dicht heran: Einer nach dem Anderen berührte die Urne mit einer leicht streichelnden Berührung der Hand oder einzelner Finger. Ein wie zaghafter letzter Gruß an die Tote, ein letzter realer Kontakt im Angesicht des Abschieds. Eine letzte Nähe, bevor die Beendigung dieser kurzen Berührung dann zum Zeichen des Loslassens wurde.

Berührende Momente gibt es im Kontext eines Abschieds viele: Gefühle wallen auf, wenn Erinnerung und Schmerz sich darin paaren. Musik und die Gestaltung der Abschiedsumgebung schaffen eine Wahrnehmungslandschaft voller Intensität und manchmal gar bedrängender Dichte. Menschlicher Beistand in der Begegnung der Betroffenen untereinander wie auch Beileidsbekundungen von Trauergästen machen eine Trauerfeier zu einem Kommunikationsfeld höchster Konzentriertheit und Achtsamkeit. Berührende Momente im Wortsinn jedoch gelten in den seltensten Fällen dem Verstorbenen direkt: Einen Toten anzufassen, ihn etwa selbst zu waschen, anzukleiden und in Zusammenarbeit mit dem Bestatter für die Einsargung vorzubereiten - diese Erfahrungen sind weitgehend aus dem erlebbaren Horizont geschwunden. Selbst einen Verstorbenen im Hause zu belassen - wenn er denn daheim sterben konnte - wird in den seltensten Fällen als Bereicherung empfunden. Mit dem Tod wie auch mit einem Toten in Berührung zu kommen - wie infektiös wirkt die Vorstellung einer derartigen Nähe für die meisten Zeitgenossen. Umso wichtiger ist es, Momente der Berührung dort zuzulassen, wo die Stationen des Abschieds dies ermöglichen: Vielleicht in einer Abschiednahme am offenen Sarg im kleinen Kreis kurz vor Beginn der Trauerfeier, vielleicht in einem letzten Anfassen des Sarges, bevor der Bestattungswagen sich mit ihm auf den Weg macht - oder eben in jenen allerletzten Momenten einer Beisetzung, bevor ein Sarg oder eine Urne dem letzten Platz übergeben wird. Natürlich: Der Tote hat von dieser Berührung nichts - wohl aber jeder Lebende, der sie vollzieht: Im Spüren des Materials kann - ob Holz, Metall oder Ton - die materialisierte Augenscheinlichkeit des Abschieds empfunden werden, in die ein Toter nun gebettet ist; in diesem Gefäß liegt ja doch ein ganzes Leben verborgen. Sich mit dem gemeinsamen Lebensvolumen im Lebewohl noch einmal zu verbünden - ein Tätscheln, ein Klopfen auf den Sarg, ein Streicheln oder ein letzter fester Griff an der Urne - aktive Trauerarbeit ist dies, verbunden mit konkretem und körperlich wahrnehmbarem Spüren eines Tuns, das die eigene Lebendigkeit manifestiert - wie auch die Notwendigkeit, im Lösen dieser Berührung den Toten ziehen zu lassen. Berührung als äußere Ebene einer inneren Qualität, letzter Kontakt als Spiegelbild des Verlustes und Auftakt des Lösens voneinander.

Der Friedhofsangestellte war mit der Einladung des Redners an die Abschiednehmenden zur letzten Berührung der Urne gar nicht einverstanden: "Urne rein, Platte dran, zack, zack" - dies war sein Plan für die Situation an der Urnenwand gewesen. Dass er nun zum Zeugen der Intensität des kleinen Abschiedsdefilees der Angehörigen wurde - dies machte die Situation am Ende womöglich auch für ihn selbst zu einem berührenden Moment.

Ernst Cran

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